Geheimnisse der Bürokratie

 

Ausstellung in der Reihe “Kunst im Amt” anlässlich des Roter-Reiter-Preises im Landratsamt Traunstein von Mai bis November 2022.
Arbeiten: “Geheimnisse der Bürokratie”, “Beste Arbeit” und “meins-deins-keins”

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Arbeiten von Uli Reiter

Die vierteilige Schilderinstallation „Beste Arbeit“ wurde im Rahmen der Jahresausstellung des Kunstvereins 2021 mit dem Roter-Reiter-Preis ausgezeichnet. Die im Gebäude verteilte Installation hinterfragt die Erwartungen des Kunstpublikums nach eindeutigen Urteilen, indem sie die Objektivität von Juryentscheidungen und Preisvergaben und das Wetteifern der Künstler:innen um die beste Arbeit mit Humor und Ironie hinterfragt

Die vier Papierbahnen „meins – deins – keins“ (jeweils 85 x 210 cm) stammen von 2020 und gehören zu den Themenkomplexen Eigentum, Technik und Digitalisierung. Diese sind mit Codierungs- und Textfragmenten bedruckt, die aus Uli Reiters soziologischen Büchern (siehe Vitrine) stammen. Der Künstler fragt nach dem Zusammenhang der drei dominanten Medien der Weltgesellschaft, nämlich Eigentum, Technik und Digitalisierung, die über die gesellschaftliche Inklusion und Exklusion von Personen und Organisationen entscheiden.

Die 30-teilige Installation „Geheimnisse der Bürokratie“ wurde für diesen Ausstellungsort angefertigt. Bürokratien erfüllen im Wesentlichen zwei Funktionen: Durch ihre Archivierungsleistung erzeugen sie ein soziales Gedächtnis (vergessen/erinnern) und auf der Basis dieser Gedächtnisleistung und durch die Strukturierung ihrer Verfahrensweisen ermöglichen sie wiederholbare Verfahrensroutinen. Erst vor dem Hintergrund dieser Verfahrensroutinen können sich Gesellschaft und Organisationen Neues erlauben. Damit ist Bürokratisierung eine unverzichtbare Bedingung der Weltgesellschaft und ihrer Organisationen. Diese Unabdingbarkeit der Bürokratie steht jedoch in krassem Gegensatz zu ihrem schlechten Ruf. Verfügen Bürokratien etwa über Geheimnisse, deren geheimer Status nur durch einen schlechten Ruf geschützt werden kann?

Die Installation besteht aus Aneinanderreihungen von Aktenordnern, die nicht wie gewohnt im Regal stehen, sondern im offenen Zustand so aufgehängt sind, dass sie ihren Inhalt nach unten zu entleeren scheinen. Die Ordner enthalten zusammenhängende und gelochte Papierstreifen, die aber nicht sachgemäß in den Ordnern abgeheftet werden können – sie sperren sich gewissermaßen gegen ihre Verwahrung. Die Streifen sind mit einem durch uns nicht verstehbaren, digitalen Hexadezimalcode bedruckt, der einen soziologischen Text von Uli Reiter zum Thema Bürokratie chiffriert. Die für uns verstehbare Variante des Textes wurde nach ihrer Fertigstellung und Chiffrierung gelöscht. Für das Publikum verstehbar sind damit nur einzelne Passagen, die auf Transparentfolie gedruckt sind und offengelegte Geheimnisse zum Thema Bürokratie aus verschiedenen Kontexten und Zeiten enthalten: darunter Geschichtliches, Funktionales oder auch Philosophisches und Poetisches.

Wir haben es bei Uli Reiters Installation mit drei Formen des Geheimnisses zu tun: Das erste Geheimnis der Bürokratie kann darin gesehen werden, dass nicht gewusst wird, was letztendlich archiviert und routiniert wird und was nicht. Das zweite Geheimnis ist dasjenige des gelöschten Textes über Bürokratie, von dem nur eine chiffrierte und zwar lesbare, aber nicht verstehbare Version in den Ordnern archiviert wird und für die Ausstellung zur Verfügung steht. Das dritte Geheimnis sind die lesbaren und verstehbaren Zitate, die als offen gelegte Geheimnisse der Bürokratie überraschende und irritierende Erkenntnisse ermöglichen – je nachdem, wie sie vom Publikum gelesen und verstanden werden.